Über die kapitalistische Anwendung der Maschinerie im Spätkapitalismus

Raniero Panzieri, in: Quaderni Rossi, Nr. 1, 1961

Bekanntlich tritt nach Marx die einfache Kooperation historisch zu Beginn des
Entwicklungsprozesses der kapitalistischen Produktionsweise auf. Aber diese einfache Gestalt der
Kooperation ist nur eine besondere Form der Kooperation als Grundform der kapitalistischen
Produktionsweise [1]. »Die kapitalistische Form setzt (…) von vornherein den freien Lohnarbeiter
voraus, der seine Arbeitskraft dem Kapital verkauft«. Aber der Arbeiter tritt als Eigentümer und
Verkäufer seiner Arbeitskraft nur als Vereinzelter in ein Verhältnis zum Kapital. Die Kooperation,
dieses wechselseitige Verhältnis der Arbeiter untereinander, »beginnt erst im Arbeitsprozeß, aber
im Arbeitsprozeß haben sie bereits aufgehört, sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben
sind sie dem Kapital einverleibt. Als Kooperierende, als Glieder eines werktätigen Organismus,
sind sie selbst nur eine besondere Existenzweise des Kapitals. (more…)

Staat und Individuum im Nationalsozialismus

Herbert Marcuse
Staat und Individuum im Nationalsozialismus

Der Philosoph Herbert Marcuse (1898-1979), ein Vertreter der Frankfurter Schule, emigrierte 1934 in die Vereinigten Staaten. Der hier erstmals in deutscher Sprache auszugsweise dokumentierte Text „State and Individual under National Socialism“ wurde 1942 geschrieben, als Marcuse für den US-amerikanischen Nachrichtendienst arbeitete. Andere nachgelassene Schriften Marcuses, die die Situation Nazi-Deutschlands analytisch durchleuchten, finden sich in dem Buch: Herbert Marcuse, „Feindanalysen“, hg.von Peter-Erwin Jansen, Lüneburg (zu Klampen) 1998. (more…)

Karl Marx als Philosoph der menschlichen Emanzipation

Rehabilitation eines verkannten Denkers1

Wolfdietrich Schmied-Kowarzik
Universität Kassel
FG Philosophie

Einleitung
I. Die Zielperspektive der menschlichen Emanzipation
II. Die Geschichtsphilosophische Grundlegung
III. Die Kritik der politischen Ökonomie
IV. Die Revolutionstheorie
V. Ausblick in die Gegenwart

Literaturhinweise

Einleitung

Die Marxsche Philosophie ist von ihrem ersten, aus der kritischen Auseinandersetzung mit Hegel erwachsenen Anfängen an bis hin zum unvollendet gebliebenen Spätwerk der Kritik der politischen Ökonomie dem Ziel der menschlichen Emanzipation verpflichtet.

Ich möchte daher meinen Thesen ein Zitat vom jungen Marx von 1843 als Motto voranstellen, da es gleichsam das treibende Motiv seines ganzen philosophischen und politischen Wirkens ausspricht. „Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst … Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ‚forces propres‘ als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“ (MEW 1, 370). (more…)

Repressive Toleranz

von Herbert Marcuse

in: Wolff, Moore, Marcuse: Kritik der reinen Toleranz;

1965, deutsch bei Suhrkamp Ffm 1996

Dieser Essay (1) untersucht die Idee der Toleranz in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Er gelangt zu dem Schluß, daß die Verwirklichung der Toleranz Intoleranz gegenüber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen erheischen würde – sowie die Ausdehnung der Toleranz auf politische Praktiken, Gesinnungen und Meinungen, die geächtet oder unterdrückt werden. Die Idee der Toleranz erscheint, mit anderen Worten, heute wieder als dasjenige, was sie an ihren Ursprüngen war, zu Beginn der Neuzeit – als ein parteiliches Ziel, ein subversiver, befreiender Begriff und als ebensolche Praxis. Umgekehrt dient, was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung. Der Verfasser ist sich dessen voll bewußt, daß gegenwärtig keine Macht, Autorität oder Regierung vorhanden ist, die eine befreiende Toleranz in Praxis übersetzen würde, doch er meint, daß es Aufgabe und Pflicht des Intellektuellen ist, an geschichtliche Möglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren – daß es seine Aufgabe ist, die unmittelbare Konkretheit der Unterdrückung zu durchbrechen, um die Gesellschaft als das zu erkennen, was sie ist und tut.

Toleranz ist ein Selbstzweck. Daß die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft existiert noch nicht; mehr denn je wird heute der Fortschritt zu ihr hin aufgehalten durch Gewalt und Unterdrückung. Als Abschreckungsmittel gegen einen nuklearen Krieg, als Polizeiaktion gegen Umsturz, als technische Hilfe im Kampf gegen Imperialismus und Kommunismus, als Methoden zur Befriedung in neokolonialistischen Massakern werden Gewalt und Unterdrückung gleichermaßen von demokratischen und autoritären Regierungen verkündet, praktiziert und verteidigt, und den Menschen, die diesen Regierungen unterworfen sind, wird beigebracht, solche Praktiken als notwendig für die Erhaltung des Status quo zu ertragen. Toleranz wird auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören.

Diese Art von Toleranz stärkt die Tyrannei der Mehrheit, gegen welche die wirklichen Liberalen aufbegehrten. Der politische Ort der Toleranz hat sich geändert: während sie mehr oder weniger stillschweigend und verfassungsmäßig der Opposition entzogen wird, wird sie hinsichtlich der etablierten Politik zum Zwangsverhalten. Toleranz wird von einem aktiven in einen passiven Zustand überführt, von der Praxis in eine Nicht-Praxis: ins Laissez-faire der verfassungsmäßigen Behörden. Gerade vom Volk wird die Regierung geduldet, die wiederum Opposition duldet im Rahmen der verfassungsmäßigen Behörden. (more…)

Was ist Ideologie?

Ulrich Enderwitz

Der klassischen Lukácsschen Definition des Begriffes zufolge ist Ideologie „notwendig falsches Bewußtsein“. Falsches Bewußtsein, unmittelbar genommen, scheint jedes beim Subjekt erzeugte Bild von der Wirklichkeit, das durch subjektive Faktoren beeinflußt oder bestimmt und insofern kein einfaches Abbild der Wirklichkeit, keine adaequatio rei, nicht objektiv ist, das also, insofern Objektivität als Signum der Wahrheit gilt, die Wirklichkeit verfälscht, falsch ist.

Dabei handelt es sich bei den subjektiven Faktoren allerdings um keine bloß negativen Bestimmungen, keinen reinen Mangel, keine Defizienz der Sinneswahrnehmung oder der Urteilskraft; ginge es darum, wir brauchten die Falschheit des entstehenden Bildes nicht mit dem hochgestochenen Begriff Ideologie zu belegen, es genügte, von Versehen, Irrtum, Unverstand zu reden.

Die subjektiven Faktoren sind vielmehr positiver Art, sind zum Wahrnehmen und Erkennen hinzutretende Bestimmungen, sind im Subjekt wirksame Absichten oder Rücksichten. Das kann vielerlei sein: persönlicher Vorteil, dieses oder jenes Interesse, Vorurteile, religiöser Glaube, kulturelle Tradition, soziale Abhängigkeit, Klassenlage, usw. Aber worin auch immer die Absicht oder Rücksicht besteht, ideologiebildend wirkt sie nur, wenn sie zwar im Subjekt, aber nicht mit Wissen des Subjektes wirkt, wenn also das Subjekt sie nicht nach Gutdünken und mit Bewußtsein geltend macht und das Bild von der Wirklichkeit verfälschen läßt, sondern wenn sie sich quasi hinter dem Rücken des Subjekts zur Geltung bringt und sein Bild von der Wirklichkeit, ohne daß er weiß, wie ihm geschieht, beeinflußt. Andernfalls könnten wir ja erneut auf den Ideologiebegriff verzichten und getrost von Entstellung, Täuschung, Lüge sprechen. (more…)

BgAA-Berlin

Am längsten lebe Israel! Warum Solidarität mit Israel für Linke eine Selbstverständlichkeit sein müsste.

Antisemitismus und Antizionismus (Antiisraelismus) sind Kitt zwischen national vergesellschafteten Subjekten in kapitalistischen Staaten – vielleicht inzwischen auf der ganzen Welt, besonders aber in Europa und Nahost. Der offen geäußerte ideologische Wahn, der jüdische Menschen anstatt ökonomische, politische oder kulturelle Herrschaftsstrukturen bekämpft, ist mitunter, in erster Linie durch die Shoa, für AntisemitInnen prekär geworden. Viel lieber beruft man sich inzwischen auf die Politik Israels gegen die PalästinenserInnen und halluziniert z.T. gar deren bevorstehende Vernichtung. Innerhalb der EU wird als größte derzeitige Gefahr für den Weltfrieden ausgerechnet Israel angesehen[1], während etwa neue deutsche Großmachtambitionen scheinbar kaum problematisch erscheinen.

Dies drückt sich auch darin aus, dass antisemitische Selbstmordattentate meist höchstens als falsche Mittel kritisiert werden statt als barbarische Zwecke, die ausschließlich darauf zielen, möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden – der Antizionismus aber als akzeptable ideologische Haltung gilt. Zu fragen ist, warum nicht nur die UNO-Resolutionen, sondern auch die Haltung vieler Staaten und breiter Teile von deren Bevölkerungen so oft gegen Israel gerichtet sind – und nicht etwa gegen Marokko (Westsaharakonflikt), den Sudan, den Iran oder, wenn einem „die Palästinenser“ angeblich schon so am Herzen liegen, gegen den Libanon, Jordanien und nicht zu vergessen die Palästinensische Autonomiebehörde und die palästinensischen Terrorgruppen, die alle die Ermordung einer hohen Zahl von PalästinenserInnen auf dem Gewissen haben, oder Saudi-Arabien, Syrien und Ägypten, die diesen die Einreise verweigern. Nicht nur gegen NS-Vergleiche oder klassisch antisemitische Assoziationen von JüdInnen mit „Banken und Börsen“ oder angeblicher „globaler Macht“, die durchaus ebenfalls immer noch up to date sind, besteht Grund zur Kritik, sondern auch, wenn die Gewalt bürgerlicher Nationalstaaten allein auf Israel projiziert und gerade hier kritisiert wird.

Warum Antizionismus Antisemitismus ist

Der von linken wie rechten politischen Gruppen vertretene Zionismus, der die Konzeption eines jüdischen Nationalstaats forderte, war eine Antwort auf das Scheitern der jüdischen Emanzipation am europäischen Antisemitismus[2], der sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer häufiger in Pogromen äußerte. Mit der historisch singulären deutschen Tat, der planmäßigen Vernichtung des Großteils der europäischen Jüdinnen und Juden, hat sich diese Antwort auf den Antisemitismus zu spät als historisch angemessen erwiesen. Für diejenigen, für die die Shoa nur irgendein „Genozid“ ist und der Nationalsozialismus eine beliebige „Diktatur“, ist dies natürlich nicht begreifbar. In einer nationalstaatlich verfassten kapitalistischen Welt gelten Leute ohne Staatsbürgerschaft als solche nichts.[3] JüdInnen und Juden aber wurden und werden von AntisemitInnen als StaatsbürgerInnen nicht anerkannt, sondern angegriffen und mit dem Tod bedroht. Bereits einmal fielen sie zu Millionen der Vernichtungspolitik des deutsch-völkischen Antisemitismus zum Opfer. Und genau deshalb ist der Staat Israel zu einer historischen Notwendigkeit geworden – nicht aufgrund seines Charakters als Nationalstaat, sondern als Schutz vor Antisemitismus. (more…)

Symbolisch immer noch aktuell: Genickschuss für Rudolf Hess!

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Die lokalen Beschaffenheiten:
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• lila: Kundgebung der Stadt: Markt / Maximilianstrasse

• grün: Antifaschistische Kundgebung:
Theresienstraße / Platz vor dem Gymnasium Beginn: 9.00 Uhr

• schwarz: Route der antifaschistischen Demonstration um 11.00 Uhr – im Anschluss (gegen 15.00 Uhr) soll dort voraussichtlich der Naziaufmarsch langführen.

Für die endgültige Beerdigung von Rudolf Hess!

Kein nationalsozialistischer Rudolf-Hess-Gedenkmarsch in Wunsiedel!
Gegen deutsche Opferlügen-
Gegen Nationalsozialistisches Heldengedenken
NS-Verherrlichung Stoppen!

Wir rufen alle AntifaschistInnen zu einer Demonstration und Kundgebung am 20. August im bayerischen Wunsiedel auf. Mit dieser Veranstaltung wollen wir ein Zeichen setzen gegen den alljährlichen Rudolf-Hess-Marsch, bei dem Faschisten aus ganz Europa zusammenkommen, um den Hitlerstellvertreter und damit stellvertretend das nationalsozialistische Regime zu verherrlichen. Wir wollen, zusammen mit WiderstandskämpferInnen und anderen AntifaschistInnen aus verschiedenen europäischen Ländern, diesem Spuk ein Ende bereiten und darauf hinwirken, dass der 20. August in Wunsiedel als Tag breiten antifaschistischen Widerstands erlebt wird.

Auch dieses Jahr wieder wollen deutsche und europäische Neonazis zu Hess’ Todestag an dessen Grabstätte in Wunsiedel aufmarschieren. An dieser Demonstration, die seit 2001 unter der Leitung des Hamburger Nazifunktionärs Jürgen Rieger wieder legal im Ort Wunsiedel durchgeführt werden darf, beteiligten sich im vergangenen Jahr etwa 4.800 Personen. In der nunmehr 17jährigen Geschichte der Hessmärsche war das die bisher höchste Teilnehmerzahl und für die nationalsozialistisch orientierte Bewegung in Deutschland ein Erfolg und das befriedigende Ergebnis einer langjährigen Kampagne.
Rudolf Hess bietet sich als Identifikationsfigur für die nationalsozialistisch orientierte Bewegung aus verschiedenen Gründen an: Bereits 1920 der NSDAP beigetreten, wurde er schnell zu einem der engsten Vertrauten von Adolf Hitler. Während der Festungshaft nach dem gescheiterten Putschversuch war er wesentlich an der Erstellung von „Mein Kampf“ beteiligt. Als Hitler-Stellvertreter wirkte der fanatische Antisemit führend beim Aufbau der NS-Diktatur, der Annexion Österreichs und des „Sudetenlandes“ und an der Ausgrenzung und Verfolgung der deutschen Juden und Jüdinnen mit. Rudolf Hess hat sich nie von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanziert. Im Prozess gegen die 22 Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg erklärte er: „Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, handelte ich wieder, wie ich gehandelt habe, auch wenn ich wüsste, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt.“ (more…)

Was weg muss, muss weg. Und…

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Horkheimer-Text

Max Horkheimer
Autoritärer Staat

Die historischen Voraussagen über das Schicksal der bürgerlichen Gesellschaft haben sich bewährt. Im System der freien Marktwirtschaft, das die Menschen zu arbeitsparenden Erfindungen und schließlich zur mathematischen Weltformel gebracht hat, sind seine spezifischen Erzeugnisse, die Maschinen, Destruktionsmittel nicht bloß im wörtlichen Sinn geworden: sie haben anstatt der Arbeit die Arbeiter überflüssig gemacht. Die Bourgeoisie selbst ist dezimiert, die Mehrzahl der Bürger hat ihre Selbständigkeit verloren; soweit sie nicht ins Proletariat oder vielmehr in die Masse der Arbeitslosen hinabgestoßen sind, gerieten sie in Abhängigkeit von den großen Konzernen oder vom Staat. Das Dorado der bürger-lichen Existenzen, die Sphäre der Zirkulation, wird liquidierte Ihr Werk wird teils von den Trusts verrichtet, die ohne Hilfe der Banken sich selbst finanzieren, den Zwischenhandel ausschalten und die Generalversammlung in Zucht nehmen. Teils wird das Geschäft vom Staat besorgt. Als caput mortuum des Verwandlungsprozesses der Bourgeoisie ist die oberste industrielle und staatliche Bürokratie übrig geblieben. »So oder so, mit oder ohne Trust, muß schließlich der offizielle Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, die Leitung der Produktion übernehmen… Alle gesellschaftlichen Funktionen der Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehen… Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußeren Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten… Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben.« [1] Im Übergang; vom Monopol- zum Staatskapitalismus ist das letzte, was die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat, »Aneignung der großen Produktions- und Verkehrsorganismen, erst durch Aktiengesellschaften, später durch Trusts, sodann durch den Staat«. [2] Der Staatskapitalismus ist der autoritäre Staat der Gegenwart.

Dem natürlichen Ablauf der kapitalistischen Weltordnung ist nach der Theorie ein unnatürliches Ende bestimmt: die vereinigten Proletarier vernichten die letzte Form der Ausbeutung, die staatskapitalistische Sklaverei. Die Konkurrenz der Lohnarbeiter hatte das Gedeihen der privaten Unternehmer garantiert. Das war die Freiheit der Armen. Einmal war Armut ein Stand, dann wurde sie zur Panik. Die Armen sollten rennen und sich stoßen wie die Menge im brennenden Saal. Der Ausgang war der Eingang in die Fabrik, die Arbeit für den Unternehmer. Es konnte nicht genug Arme geben, ihre Zahl war ein Segen für das Kapital. Im gleichen Maße jedoch, in dem das Kapital die Arbeiter im Großbetrieb konzentriert, gerät es in die Krise und macht ihr Dasein aussichtslos. Sie können sich nicht einmal mehr verdingen. Ihr Interesse verweist sie auf den Sozialismus. Wenn einmal die herrschende Klasse den Arbeiter »ernähren muß, anstatt von ihm ernährt zu werden«, ist die Revolution an der Zeit. Diese Theorie des Endes entspringt einem Zustand, der noch mehrdeutig war; sie ist selbst doppelsinnig: Entweder sie rechnet mit dem Zusammenbruch durch die ökonomische Krise, dann ist die Fixierung durch den autoritären Staat ausgeschlossen, den Engels doch voraussieht. Oder sie erwartet den Sieg des autoritären Staats, dann ist nicht mit dem Zusammenbruch durch die Krise zu rechnen, denn sie war stets durch die Marktwirtschaft definiert. Der Staatskapitalismus beseitigt aber den Markt und hypostasiert die Krise für die Dauer des ewigen Deutschlands. In seiner »ökonomischen Unabweisbarkeit« bedeutet er einen Fortschritt, ein neues Atemholen für die Herrschaft. Die Arbeitslosigkeit wird organisiert. Einzig die schon gerichteten Teile der Bourgeoisie sind am Markt noch wahrhaft interessiert. Großindustrielle schreien heute nach dem Liberalismus nur, wo die etatistische Verwaltung noch zu liberal, nicht völlig unter ihrer Kontrolle ist. Die zeitgemäße Planwirtschaft kann die Masse besser ernähren und sich besser von ihr ernähren lassen als die Reste des Marktes. Eine Periode mit eigener gesellschaftlicher Struktur hat die freie Wirtschaft abgelöst. Sie zeigt ihre besonderen Tendenzen national und international.

Daß der Kapitalismus die Marktwirtschaft überleben kann, hat sich im Schicksal der proletarischen Organisationen längst angekündigt. Die Parole der Vereinigung in Gewerkschaften und Parteien war gründlich befolgt, aber diese führten weniger die unnatürlichen Aufgaben der vereinigten Proletarier durch, nämlich den Widerstand gegen die Klassengesellschaft überhaupt, als daß sie den natürlichen Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung zur Massenorganisation gehorchten. Sie fügten sich den Wandlungen der Wirtschaft ein. Im Liberalismus hatten sie sich der Erzielung von Verbesserungen zugewandt. Der Einfluß einigermaßen gesicherter Arbeiterschichten gewann schon kraft ihrer Zahlungsfähigkeit in den Vereinen größeres Gewicht. Die Partei verwandte sich für eine soziale Gesetzgebung, der Arbeiterschaft sollte das Leben im Kapitalismus erleichtert werden. Die Gewerkschaft erkämpfte Vorteile für Berufsgruppen. Als ideologische Rechtfertigung bildeten sich die Phrasen der Betriebsdemokratie und des Hineinwachsens in den Sozialismus aus. Die Arbeit als Beruf: als die Plackerei, wie die Vergangenheit sie einzig kennt, wurde kaum mehr in Frage gestellt. Sie wurde aus des Bürgers Zierde zur Sehnsucht der Erwerbslosen. Die großen Organisationen förderten eine Idee der Vergesellschaftung, die von der Verstaatlichung, Nationalisierung, Sozialisierung im Staatskapitalismus kaum verschieden war. Das revolutionäre Bild der Entfesselung lebte ( nur noch in den Verleumdungen der Konterrevolutionäre fort. Wenn überhaupt die Phantasie sich vom Boden der Tatsachen entfernte, setzte sie an Stelle der vorhandenen staatlichen Apparatur die Bürokratien von Partei und Gewerkschaft, an Stelle des Profitprinzips die Jahrespläne der Funktionäre. Noch die Utopie war von Maßregeln ausgefüllt. Die Menschen wurden als Objekte vorgestellt, gegebenenfalls als ihre eigenen. Je größer die Vereine wurden, desto mehr verdankte ihre Führung einer Auslese der Tüchtigsten ihren Platz. Robuste Gesundheit, das Glück, dem durchschnittlichen Mitglied erträglich und den herrschenden Gewalten nicht unerträglich zu sein, der zuverlässige Instinkt gegen das Abenteuer, die Gabe, mit der Opposition umzuspringen, die Bereitschaft, das Verstümmelte an der Menge und an ihnen selbst als Tugend auszuschreien, Nihilismus und Selbstverachtung sind notwendige Eigenschaften. (more…)